Es geschah auf eine seltsame Art und Weise, dass ich die neue Serie von Collage d’empreinte von Muriel Valat-B entdeckte. Ich war ungeduldig, die Collages zu sehen und bat die Künstlerin mir die Kopien auf CD-Rom zu schicken. Als ich mich über den Bildschirm beugte, war mein Computer zu langsam, um sofort diese feine Auflösung wiederzugeben. Nur langsam entwickelten sich die Bilder auf dem Bildschirm: erst waren es Punkte, dann Linien, die sich nach und nach mit quälender und zugleich aufregender Langsamkeit verdichteten. Es war, als ob der Bildschirm sie verhüllen wollte und mir schien es, als stiegen sie aus den Tiefen eines unbekannten Wassers an die Oberfläche empor. Zunächst waren es Linien, Schattenbilder, langsame Bewegungen. Mir war so, als beugte ich mich über einen jener “lavognes” genannten Wasser, die man auf den wüstenartigen Hochebenenen der “Grands Causses” im Massif Central findet. Muriel Valat-B kennt diese Landschaft gut. Die “lavognes” sind weder Seen noch Teiche. Ihr Wasser ist so rar und so kostbar, als hätte es die Natur aus den roten Tonschichten destilliert.
Diese erste Begegnung hat meine Sichtweise der Collages geprägt. Mir wurde die Einheit von Muriel Valat-Bs künstlerischem Schaffen deutlich. In ihrem Werk geht es um die Beziehung zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion sowie zwischen Figur und Hintergrund.
Die frühen Radierungen blieben gegenständlich ohne realistisch zu sein: Variationen über sitzende Frauen vor einem felsenartigen Hintergrund aus scharfgezeichneten Linien; eine zerberstende Judith, die mit Messern entstellte Köpfe von ihren Körpern befreite. Flecken aus Farben und Schatten, die die gesamte Oberfläche bedeckten und die kaum je aus dem Hintergrund hervortraten, dem sie so ähnelten.
Auftauchen, abtauchen - darum geht es. In der jüngsten Serie sind die menschliche Figur und die mythologischen Schatten nicht an die Oberfläche des Wassers getreten, die still bleibt. Still, aber nicht leer, denn die Blickfänge sind nun die Schraffuren, die Linien, die Farbflächen, die mit einem mal die Dauer des Stetigen aufbrechen. Vielleicht geht es um Abstraktion - aber eine solche, in der die Künstlerin reduziert, während der Betrachter wie bei einem Rohrschachtest erschließt: Sandbänke, Schilfrohre, Schaumkämme, Zen-gärten, Wasserläufer aus flirrenden Geisteswelten. Aus der Kargheit entsteht so ein Spiel an Formen, es scheint, als ob das geheime Leben des Wassers in unregelmäßigen Wogen zu unserem Blick emporstiege.
Alles, was seltsam ist, wirft Fragen auf. Die “lavogne” ist sicherlich eine persönliche Metapher und nicht ein Schlüssel zur Interpretation. Andere Betrachter oder auch dieselben werden zu einem anderen Zeitpunkt andere Wege einschlagen: vielleicht rührt die Befremdlichkeit daher, dass wir Dinge betrachten, denen wir ganz nah oder ganz fern sind - wie auf einem Satellitenbild, einem Makrophoto oder einer mikroskopischen Vergrößerung von Détails, die für das bloße Auge nicht mehr sichtbar sind. So möge jeder die eine oder die andere Perspektive wählen, damit die geheimnisvollen Collages unter seinem Blick neu entstehen können. Wie auch immer dieses geschieht, eines ist sicher: unsere alltägliche, routinemäßige und beruhigende Wahrnehmung wird vergessen sein.
Zu lernen, diese Collages zu betrachten, ist so, als ob man seine Augen mit klarem Wasser spült.


Prof. Gérard Cordesse
Universität Toulouse Le Mirail
(aus dem französischen von Barbara Prchala)